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„Beginnen Sie dort, wo Sie sind. Man muss nicht für Naturfotos nach Afrika reisen – Natur ist überall.“ – Simone Baumeister im Interview

Simone Baumeister spricht über ihren preisgekrönten Spinnenfund, ungewöhnliche Objektive und darüber, wie Planung, Intuition und Ruhe ihre Naturfotografie prägen.

Simone Baumeister im Interview: Heimische Tierwelten

Mit einem poetischen Spinnenbild hat die Natur- und Hobbyfotografin Simone Baumeister den Kategoriesieg „Natural Artistry“ beim renommierten Wildlife Photographer of the Year gewonnen.

Doch ihr Werk umfasst weit mehr als leuchtende Stadtlichter und kunstvolle Effekte. Im Gespräch erzählt sie, warum sie in der Natur zur Ruhe kommt, wie Planung und Intuition zusammenfinden und weshalb selbst unscheinbare Orte zu ihren liebsten Fotorevieren zählen. Dabei gibt sie Einblicke in ihre Arbeitsweise und in die Momente, die ihr viel bedeuten und sie heute prägen.

DigitalPHOTO: Was war das für ein Gefühl, bei einem so renommierten Wettbewerb ausgewählt zu werden?

Simone Baumeister: Es war schlicht überwältigend. Ich habe lange davon geträumt, irgendwann einmal ein Bild unter die besten 100 des Wildlife Photographer of the Year zu bekommen – allein schon wegen der Wanderausstellung, die weltweit gezeigt wird.

Die Vorstellung, Teil dieser Präsentation zu sein, hat mich motiviert, jedes Jahr erneut einzureichen, auch wenn ich es nie wirklich für realistisch hielt. Als dann die Mail kam, war ich gerade auf dem Sprung aus der Wohnung.

Ich habe sie unterwegs geöffnet und konnte es kaum glauben. Erst am Abend habe ich sie noch einmal gelesen – sicherheitshalber, weil ich dachte, ich hätte mich verlesen – und sah dann, dass es sogar der Kategoriesieg war. Da war ich wirklich kurz überzeugt, dass es Spam sein muss.

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Tatsächlich erst einmal: „Ich kann doch gar nicht nach London fahren, ich spreche kaum Englisch.“ Ich hatte mir ja nie einen Kategoriesieg ausgemalt, sondern nur gehofft, einmal unter die Top 100 zu kommen.

Das stand so nicht im Plan. Am nächsten Tag ist es dann langsam eingesickert – und ich war völlig überwältigt. Am liebsten hätte ich es sofort allen erzählt, aber die strenge Verschwiegenheitspflicht bis Oktober war wirklich hart.

Ihr prämiertes Bild zeigt eine Spinne vor leuchtenden Lichtkreisen. Wie ist diese Aufnahme entstanden?

Das Bild entstand mit einer recht ungewöhnlichen Ausrüstung: einem rund 60 Jahre alten, analogen, komplett manuellen Objektiv, das ich gebraucht für wenig Geld gekauft und anschließend modifiziert habe.

Ich habe es auseinandergebaut, eines der Glaselemente gedreht und wieder eingesetzt. Dadurch wird nur das Zentrum scharf, während die Schärfe zum Rand hin deutlich abnimmt und die Verzerrungen zunehmen.

Das erzeugt diesen besonderen Look. Dieser Effekt funktioniert besonders gut mit Kunstlicht. Die Spinne hing etwa 30 Zentimeter vor mir in ihrem Netz an einer Fußgängerbrücke.

Etwa 150 Meter dahinter lag eine große Kreuzung – bei Nacht also perfekte Lichtquellen durch Ampeln und Autos. Die bunten Lichtflecken im Hintergrund stammen genau von dieser Szenerie.

Wann und wo ist das Bild denn genau entstanden?

Die Aufnahme entstand im November gegen 19 Uhr, mitten in der Stadt, auf einer Fußgängerbrücke. 

Sie haben in der Kategorie „Natural Artistry“ gewonnen. Viele Ihrer Bilder haben einen künstlerischen Ansatz. Wie gelingt das in der Naturfotografie?

Tatsächlich fotografiere ich zu etwa 95 Prozent sehr dokumentarisch und wenig künstlerisch. Die Wettbewerbsbilder vermitteln da manchmal einen etwas anderen Eindruck.

Wie viel lässt sich denn planen?

Mehr, als viele erwarten. Wenn man weiß, wo man welche Tiere findet und zu welchen Tageszeiten sie sich gerne zeigen, kann man viel vorausdenken: Lichtstimmungen, Hintergründe, Perspektiven.

Eichhörnchen sammeln im Herbst Nüsse, Amseln sitzen in der Dämmerung gerne auf Hausgiebeln – all das lässt sich einplanen. Und Blumen laufen bekanntlich nicht weg. Wer viel beobachtet und Zusammenhänge erkennt, kann in der Naturfotografie erstaunlich viel vorbereiten.

War das Spinnenfoto ein spontaner Fund – oder hatten Sie so ein Bild im bereits Kopf?

Dieses Bild war tatsächlich geplant. Spinnen an Brücken findet man oft, und Tiere vor Stadtlichtern zu fotografieren ist nicht neu – Füchse, Tauben, Waschbären, Reiher: das wurde alles schon gezeigt.

Auch Fotos mit alten Objektiven gibt es immer wieder. Ich wollte an diesem Abend einfach beides kombinieren und bin deshalb ganz gezielt zu dieser Brücke gegangen, weil die Kreuzung dahinter perfekt passte.

Gab es an diesem Abend einen Moment, der die Aufnahme für Sie besonders gemacht hat?

Ja, tatsächlich. Ich war mit einer Freundin dort, und wir knieten vor dem Geländer – eine typische Naturfotografenhaltung, die öfter für Irritation sorgt. Ein Vater kam mit seinem etwa sechsjährigen Sohn vorbei.

Der Junge fragte neugierig, was wir dort machten. Als ich erklärte, dass wir eine Spinne fotografieren, war er völlig perplex, wie das Spaß machen kann. Bevor er weiterging, sagte er: „Ich dachte, dass ihr arm seid.“

Seine Ehrlichkeit, sein Mitgefühl – das hat mich wirklich berührt. Ich denke heute noch daran, wenn ich das Bild ansehe.

Nehmen Sie oft an Wettbewerben teil?

Ja, ich nehme sehr regelmäßig teil. Zum einen, weil es sich für mich wie ein gemeinsames Projekt anfühlt – auch wenn man die anderen Teilnehmenden gar nicht kennt.

Zum anderen ist da natürlich der Reiz: die kleine Aufregung beim Warten, ob ein Foto in die Endauswahl kommt. Und es zeigt mir, ob meine Bilder Menschen erreichen.

Man muss wissen: Bei internationalen Wettbewerben mit zehntausenden Einsendungen fallen in den letzten Runden unglaublich viele hervorragende Bilder weg. Es gibt weltweit enorm viele großartige Fotografen – das gehört dazu.

Mit welcher Ausrüstung arbeiten Sie?

Derzeit nutze ich zwei Kameras: die Canon R5 und die Canon R5 II. Vollformat ist für mich ideal, vor allem in der Dämmerung. Bei den Objektiven setze ich fast ausschließlich auf Canon – von 16 bis 600 Millimeter ist fast alles abgedeckt, nur zwischen 35 und 70 Millimeter habe ich eine kleine Lücke in meiner Kameratasche, die mir aber noch nie gefehlt hat.

Haben Sie in der Praxis ein Lieblingsobjektiv?

Schwierige Frage. Verzichten würde ich ungern auf das Canon RF 600 f/4, das ich einmal vergleichsweise „günstig“ erwerben konnte. Für Ansitze liebe ich es, aber für Spaziergänge ist es schlicht zu groß.

Was haben Sie neben Kamera und Objektiv sonst noch dabei?

Eine Taschenlampe, falls es mal später wird – und wenn ich daran denke, Papiertaschentücher, um bei Regen die Linse zu säubern. Manchmal gehe ich aber auch völlig ohne Rucksack los.

Viele Ihrer Bilder wirken urban. Was ist Ihr Lieblingsort zum Fotografieren?

Lustig ist: Die meisten meiner Aufnahmen entstehen gar nicht urban. Ich zeige nur vielleicht überdurchschnittlich viele dieser Bilder, weil ich die Lichtstimmungen so mag. Eigentlich bin ich fast immer in der Natur unterwegs.

Ich liebe Moore oder Gebiete, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken – ehemalige Industrieflächen, alte Scheunen, Halden. Dort findet man oft Falter, Eidechsen oder Steinkäuze, meine Lieblingsvögel.

Welchen Rat würden Sie angehenden Naturfotografen geben?

Beginnen Sie dort, wo Sie sind. Man muss nicht für Naturfotos nach Afrika reisen – Natur ist überall. Wer regelmäßig dieselben Orte besucht, lernt unglaublich viel: über Tiere, Pflanzen, Verhalten, Licht.

Das schult den Blick und hilft, Motive schneller zu entdecken. Und ja, die Ausrüstung ist nicht das Wichtigste – aber sie kann manches erleichtern.

Jede Kamera kann gute Bilder machen; entscheidend ist das eigene Verständnis für Motiv, Licht und Situation. Mein Gewinnerfoto hätte man mit einer Kamera für unter 500 Euro machen können.

Was bedeutet Ihnen die Naturfotografie – und wie kamen Sie dazu?

Naturfotografie ist für mich ein Ort der Ruhe. Draußen verlangsamt sich alles, wird leiser, klarer. Selbst wenn ich stundenlang auf einen Steinkauz warte, bin ich entspannt.

Ich habe mit der Fotografie in einer schwierigen privaten Phase begonnen. Ich brauchte etwas, das mich aus dem Alltag herausholt. Der Blick durch den Sucher hat mir eine neue Welt geöffnet – ein kleiner Ausschnitt, auf den ich mich fokussieren konnte. Heute komme ich nicht immer mit einem Foto nach Hause – aber immer mit Ruhe.

Die Fotografin

Simone Baumeister lebt im nördlichsten Münsterland am Rand des Emslands. Sie verbindet Fotografie mit ihrer Liebe zur Natur und möchte Menschen für den Schutz unserer Lebensräume sensibilisieren. Ihre Motive findet sie meist auch vor der Haustür – bei Spaziergängen, die für sie fast nie verlorene Zeit sind.

naturfoto-baumeister.com

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