Die eigene fotografische Handschrift zu entwickeln, ist eine große Herausforderung. Der Fotograf Kiki Xue hat sie gefunden. Seine Porträts wirken wie eine Verbindung aus Malerei und Zeichnung.

Kiki Xue im Interview: Wie ein Gemälde
Der chinesische Fotograf Kiki Xue ist für seinen malerischen Stil bekannt. Im Interview spricht er über seinen Weg von der Mathematik zur Fotografie, über prägende Begegnungen und den Umzug nach Paris – und darüber, warum für ihn zur Fotografie neben Intuition auch Ruhe und Alleinsein gehören.
DigitalPHOTO: Herr Xue, wir wurden auf Sie aufmerksam, weil Sie sich einen ganz eigenen Stil erarbeitet haben, der fast schon malerisch wirkt. Kommen Sie von der Malerei?
Kiki Xue: Ich habe zwar als Kind gemalt, aber nie konsequent weiterverfolgt. Die Liebe dazu blieb jedoch. Die Kamera wurde schließlich zu meinem Werkzeug, um malerische Konzepte auszudrücken.
Zwischen der Malerei und der Fotografie sehe ich viele Parallelen: eine Idee entwickeln, ihre Umsetzbarkeit prüfen und sie mit Licht und Inszenierung verbinden. Deshalb investiere ich viel Zeit in die Vorbereitung eines Shootings.
Ihre Porträts erinnern bisweilen an die niederländische Barockmalerei. Spüren Sie diesen Einfluss selbst?

Erst in den letzten Jahren habe ich mich intensiver mit Kunstgeschichte beschäftigt und dadurch einen tieferen Zugang beispielsweise zur Barockkunst und den niederländischen Meistern gefunden.
Davor liebte ich Malerei vor allem instinktiv. Ich habe aber auch festgestellt, dass Wissen auch ein Hindernis sein kann. Am Ende muss künstlerisches Arbeiten der inneren Intuition folgen.
Dann lassen Sie uns jetzt konkret auf Ihre Fotos schauen. Worauf achten Sie bei der Komposition eines Porträts?

Am Anfang stehen für mich oft die Farben, denn sie erreichen die Betrachterinnen und Betrachter unmittelbar. Doch am meisten zählt letztlich die Emotion. Mich ziehen schmerzlich– schöne, kraftvolle Momente an. Meine Arbeit ist eine Verschmelzung aus Licht, Farbe, Gefühl und Detail.
Wie wählen Sie die Farben aus?
Intuitiv. Natürlich lasse ich mich manchmal von Farbkombinationen in Gemälden inspirieren, aber das ist inzwischen Teil meiner Erfahrung. Letztendlich muss es sich einfach natürlich anfühlen.
Und das Licht in Ihren Bildern?

Wann immer es möglich ist, nutze ich natürliches Licht. Wenn künstliches Licht notwendig ist, greife ich am liebsten zu Dauerlicht. So kann ich die gewünschte Atmosphäre direkt gestalten, ohne dass ein Blitz die Verbindung zu meinem Gegenüber stört.
Mit welcher Kamera arbeiten Sie?

Am häufigsten arbeite ich mit einer Hasselblad. Ihre Bildqualität erinnert, wie ich finde, tatsächlich an Ölgemälde, und die konzentrierte, ernsthafte Arbeitsweise liegt mir sehr.
Welche Rolle spielt Mode in Ihrem kreativen Prozess?
Mode ist für mich ein Raum für Fantasie. Sie hilft mir, Figuren zu entwickeln, die mehr erzählen, als Kleidung allein zeigen kann. Jedes Stück trägt die Handschrift der Designerinnen und Designer. Ich versuche, diese Idee in meiner Bildsprache weiterzuführen.
Lassen Sie uns noch einen Schritt zurückgehen – an die Anfänge Ihrer Karriere. Sie sind in China geboren, leben jetzt aber in Paris. Warum sind Sie nach Frankreich gezogen?

Da muss ich vielleicht etwas weiter ausholen. Ich bin ein Autodidakt, was die Fotografie angeht. Ursprünglich komme ich aus der Mathematik, mit einem entsprechenden Universitätsabschluss, aber ich begann bereits während des Studiums, erste Porträts zu erstellen.
Letztlich sehnte ich mich nach professioneller Begleitung. In Peking traf ich 2011 Franca Sozzani, die damalige Chefredakteurin der Vogue Italia. Sie ermutigte mich sehr und stellte mich wiederum Alessia Glaviano (Head of Global PhotoVogue, Anm. d. Red.) vor, die meine Arbeit offensichtlich mochte und mich darin bestärkte, auf einer größeren Bühne zu arbeiten.
War das am Ende der Grund für Ihren Umzug nach Paris, das bis heute als Zentrum der Modefotografie gilt?

Ja, tatsächlich. Über ihre Empfehlung lernte ich meine spätere Agentin Elena kennen – und zog schließlich nach Paris. Dort konnte ich mich noch intensiver mit Fotografie beschäftigen und meinen Blick weiterentwickeln.
Gleichzeitig war es ein völliges Eintauchen in ein neues Leben. Beim Wechsel vom Osten in den Westen beginnt man in vieler Hinsicht von vorn. Diese Erfahrungen haben meine künstlerische Sicht nachhaltig geprägt.
Was inspiriert Sie in Paris am meisten?

Es ist vor allem das Leben in Paris. Die Stadt fließt in einem ruhigen, angenehmen Rhythmus, wie ein sanfter Strom.
Hier gibt es eine lebendige Kunstszene, in der Kreativität und Publikum auf ganz unterschiedliche Weise miteinander in Kontakt kommen. Kunst wird hier verstanden und geschätzt; Ausstellungen, Galerien, Agenturen und Kunstschaffende finden gleichermaßen Raum und Resonanz.
Brauchen Sie diese Lebendigkeit für Ihre Kreativität?

Jein. Das Umfeld hier ist sehr inspirierend. Für meine Kreativität brauche ich allerdings auch Ruhe. Allein zu leben gibt mir den Raum, Geschichten leise entstehen zu lassen und meine Arbeit weiterzuentwickeln. Diese Form der Einsamkeit ist für mich unverzichtbar.
Wie würden Sie beschreiben, was Fotografie für Sie bedeutet?

Für mich ist Fotografie etwas sehr Anspruchsvolles. Sie entsteht aus allem, was man selbst erlebt hat – und zeigt sich im Bild nicht als Zurschaustellen, sondern als Ausdruck von Geschmack, Erfahrung und Tiefe. Fotografie braucht Zeit.
Sie verlangt, dass man das Leben aufmerksam und ohne Eile wahrnimmt. Meiner Meinung nach fließen Freude und Schmerz mit ein und setzen sich im Laufe der Jahre wie feine Schichten in der eigenen Arbeit ab.


Xue Wei wurde in Chengdu geboren und arbeitet heute als Mode- und Kunstfotograf in Paris. Seine Porträts wurden mehrfach ausgezeichnet und erschienen u. a. in der Vogue und in Harperʼs Bazaar. 2022 erschien sein Buch „KIKI XUE Portraits“.

