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Reisefotografie aus aller Welt: Canon-Fotograf David Pinzer im Interview

"Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen." Das berühmte Zitat des deutschen Dichters Matthias Claudius ist zwar schon einige Hundert Jahre alt, hat aber nichts von seiner Bedeutung verloren. Im Interview erzählt Fotograf David Pinzer von seinen Erlebnissen aus aller Welt.

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David Pinzer reist viel und oft. Das Reisen gehört zu seinem Beruf. Auch wenn der Dresdner nicht ausschließlich als Reisefotograf arbeitet, so zeigen seine Bilder doch, dass er in diesem Gerne zu Hause ist. Uns erzählt Pinzer, wie er überhaupt zur Reisefotografie gekommen ist und wie er sich vor Ort verhält, um authentische Bilder zu erhalten. Aber Achtung: gut möglich, dass Sie nach dem Lesen von der Reiselust gepackt werden.

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CanonFoto: Herr Pinzer, erinnern Sie sich noch an das erste Land, das Sie bereist haben?

David Pinzer: Der Einstieg ins Reisen, wenn man das so sagen kann, kam durch meine Eltern, die als DDR-Bürger nach der Wende die neue Freiheit genutzt haben und mit der Familie ferne Urlaubsziele ansteuerten, darunter zum Beispiel Sri Lanka, Mexiko und Kenia.

Und irgendwann sind Sie allein losgezogen?

Mein erste richtige selbstständig geplante Reise ging gleich für mehrere Monate nach Nepal und Indien, ich hatte Geld aus meiner Zeit im Zivildienst angespart und eine sehr intensive und spannende Zeit dort erlebt – und natürlich habe ich damals auch viel fotografiert.

War es tatsächlich so natürlich – also war immer klar, dass Sie unterwegs fotografieren?

Die Kamera war tatsächlich schon immer dabei. Und es war auch das Reisen, was mich zur Fotografie gebracht hat. All die Erlebnisse und Eindrücke, die Exotik an fernen Orten waren überwältigend, zumal wenn man als Jugendlicher erstmals mit anderen Kulturen in Kontakt kommt. Das wollte ich in Bildern festhalten, um Freunden zu Hause davon zu berichten.

Mittlerweile haben Sie viele Länder bereist – welche waren die spannendsten?

Es ist schwer, sich da auf einen Ort festzulegen. Myanmar fand ich sehr spannend. Ich war 2008 dort, ein Jahr nachdem es Aufstände gegeben hatte. Deshalb gab es kaum Touristen. Insgesamt wirkte es sehr authentisch, so wie die Nachbarländern vielleicht 30 Jahre zuvor ausgesehen haben. Auch im Himalaya war ich mehrfach. Durch diese gigantische Gebirgswelt zu laufen gibt mir immer ein ganz besonderes Gefühl.

Mit welchem Equipment sind Sie unterwegs?

Das hat sich im Laufe der Jahre natürlich geändert, gewissermaßen professionalisiert. Zurzeit nehme ich meist die EOS 5D Mark IV sowie zwei lichtstarke Zooms, das Canon EF 24-70mm f2.8 L II USM und das Canon EF 70-200mm f2.8 L IS II USM mit. Bei den Festbrennweiten entscheide ich mich in der Regel zwischen dem Canon EF 35mm f1.4 L II USM und dem Canon EF 50mm f1.2 L USM. Ich bin ein großer Fan von lichtstarken Festbrennweiten, da ich sie auch bei wenig Licht einsetzen kann, und die Bildqualität und Schärfe stimmen auch bei Offenblende. Mit dem 70-200mm-Objektiv trägt man schon einen ganz schönen Brocken herum, dafür kann man Situationen aus dem Straßenleben sehr schön freistellen und auch mal unerkannt von weiter weg fotografieren. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Transportaufwand und Bildqualität in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen müssen – auf Reisen sollte außerdem alles in einem Rucksack passen.

Wie wählen Sie Ihre Motive unterwegs aus? Suchen Sie nach etwas Bestimmten?

Mit etwas Glück finden die Motive meistens mich – ich suche eher das interessante Licht oder den Standpunkt, und ich versuche, mich mit offenen Sinnen zu bewegen und in die Stimmung eines Orts einzutauchen. Außerdem stöbere ich gern nach kleinen Alltagsgeschichten oder auch skurrilen Situationen. Aber es ist immer das Licht, dass letztlich die Bildstimmung beeinflußt und eine Landschaft, eine Straße oder eine Hauswand interessant erscheinen lässt oder nicht.

Wie gehen Sie bei der Suche nach der Bildkomposition vor?

Die Bildkomposition nimmt bei mir einen hohen Stellenwert ein. Manchmal hilft beispielsweise ein Tür- oder Fensterrahmen, um einem Bild Struktur und Perspektive zu geben – und er kann helfen, den Eingerahmten hervorzuheben.

Lassen Sie uns über Ihre Arbeitsabläufe vor Ort sprechen, wie sehen die aus?

Ich überlege zuerst, zu welcher Zeit bestimmte Motive am lohnendsten sind – also zum Beispiel ein Markt in der Frühe oder eine Landschaft im Abendlicht. Ich lasse mich aber auch vom Zufall treiben, denn vieles entdecke ich nebenbei, und die schönsten Fotos entstehen nicht unbedingt bei den eingeplanten Attraktionen. Wichtig ist auch, mit den Leuten vor Ort zu sprechen, da sie oftmals besondere Tipps parat haben und zum Beispiel wissen, ob gerade ein Festival oder etwas Ähnliches im Land stattfindet. Generell ist es wichtig, die Augen für die Umgebung offenzuhalten, denn das Leben schreibt fortwährend spannende Geschichten ringsherum, und manchmal gelingt es, so einen Moment einzufangen.

Häufig stellt sich die Frage, wie man am besten auf Fremde zugeht, um sie zu fotografieren.

Meist gehe ich offen und unbefangen heran. Das heißt, ich gehe auf die Leute zu und über Blickkontakt oder Gesten gebe ich zu verstehen, dass ich sie gern fotografieren möchte und hoffe auf Zustimmung. Das ist aber natürlich nicht immer möglich, denn man würde viele schöne Straßenszenen oder die authentische Mimik der Menschen dadurch auch stören. Und manchmal habe ich auch nicht den Mut, auf Fremde zuzugehen, wenn ich das Gefühl habe, es wäre jetzt unangemessen zu fotografieren. Aber oft ärgere ich mich dann hinterher über die verpasste Gelegenheit.

Sie kommen viel mit Einheimischen in Kontakt, wie werden Sie als Fotograf aufgenommen?

Das ist ganz verschieden. Aber meist eher freundlich bis enthusiastisch. Gerade in Asien möchten viele Menschen gern fotografiert werden. Sie sehen es als eine Ehre an, dass man dem Gegenüber besondere Beachtung schenkt. Man ist ja selbst an vielen Orten der Exot. In Indien wurde ich schon gebeten, ganze Dörfer zu fotografieren, da wurden auch die Babys und Großväter auf die Straße geholt. Obwohl ich denke, dass sich das mit der starken Zunahme an fotografierenden Menschen und Touristen ändert, dass da also eine Gewöhnung und Ermüdung einsetzt. Es gibt aber auch ganz klar Situationen, in denen gesagt wird, dass Fotografieren unerwünscht ist, oder sich Leute wegdrehen – das respektiere ich selbstverständlich.

Wie wählen Sie die Länder aus, die Sie bereisen?

Ich schaue mir regelmäßig Magazine an und sehe Bilder, die neugierig machen, oder es berichten Bekannte von interessanten Orten. Ich mag Länder, die noch nicht so ganz vom touristischen Mainstream erfasst sind. So habe ich zum Beispiel mit einer befreundeten Journalistin im Frühjahr eine Reise nach Weißrussland geplant. Es ist nicht weit weg von Deutschland, trotzdem hört man nicht viel von dort. Das finde ich spannend. Abgesehen davon habe ich ein Faible für Asien.

5 PROFI-TIPPS ZUR REISEFOTOGRAFIE
  • Erkundigen Sie sich vor der Reise nach dem Zielort. Achten Sie auf besondere Gegebenheiten vor Ort, sei es das Klima, Religion, Sprache oder mögliche Konflikte.
  • Überlegen Sie vorab, welche Sehenswürdigkeiten Sie fotografieren möchten. Auch wer spontan reist, wird Motive finden, muss vor Ort aber länger suchen.
  • Reisen Sie mit leichtem Fotogepäck. Ein guter Fotorucksack mit Regenschutz und Laptopfach ist empfehlenswert.
  • Wir schlagen vor, dass Sie wenig, abergutes Equipment einpacken. Ein lichtstarkes Zoomobjektiv und ein Kamerabody reichen meist aus. Unbedingt sollte ein leichtes, stabiles Stativ mit eingepackt werden.
  • Sichern Sie Ihre Aufnahmen am besten direkt vor Ort. Nichts ist ärgerlicher als versehentlich gelöschte Bilder. Eine externe Festplatte ist also in jedem Fall ratsam.

Welchen Stellenwert hat die Reisefotografie für Sie und in Ihrem Beruf als Fotograf?

Reisen und Fotografieren gehören für mich auf jeden Fall zusammen. Anders gesagt: Eine Reise ganz ohne Kamera würde mir schwerfallen. Aber ich bin nicht ausschließlich Reisefotograf. Zwar lebe ich von der Fotografie, liebe meinen Beruf aber vor allem wegen der vielen Facetten, die die Fotografie bietet. Mich komplett auf eine Nische zu beschränken liegt mir nicht. Außerdem ist es nicht ganz leicht, von der Reisefotografie zu leben, der Markt dafür ist eher klein und umkämpft. Und das Genre bewegt sich des Öfteren zwischen Postkartenkitsch und Instagram- Beliebigkeit – wovon ich mich klar distanziere. Grundsätzlich sind mein Fernweh und meine Neugierde groß, und ich kann mir vorstellen, mich noch intensiver der Reisefotografie zu widmen – auch wenn es momentan eher schwierig ist, da ich einen kleinen Sohn habe.

Sie waren an vielen entlegenen Orten der Welt – gab es auch mal brenzlige Situationen?

Eher selten. In Südafrika hat jemand einmal versucht, mich zu überfallen – es ist aber nochmal gut ausgegangen. Am brenzligsten ist wahrscheinlich die Teilnahme am Straßenverkehr in abenteuerlichen Vehikeln, mit denen man in atemberaubendem Tempo über schmale und ungesicherte Straßen fährt – und darüber macht man sich meist gar nicht so viele Gedanken, da es vor Ort ja als Normalzustand gilt.

Was überrascht Sie im Ausland, wenn Sie aus der Ferne an Deutschland denken?

Es ist überraschend, wie offen, herzlich und freundlich die Menschen einem meist in armen Ländern begegnen. Gastfreundschaft nimmt einen ganz anderen Stellenwert ein als bei uns, und das nicht abstrakt, sondern gelebt im Alltag. In vielen Ländern stehen weniger Produktivität und Arbeit als vielmehr soziale Interaktionen im Lebensmittelpunkt. Das soll nicht wertend gemeint sein, alles hat seine Vor- und Nachteile. Kurios ist oft der Umgang mit Zeitspannen und Verabredungen. Eine Stunde kann oft alles bedeuten, von „irgendwann nachher“ bis „übermorgen“. Da merke ich manchmal, wie mental ich in Deutschland verwurzelt bin. Wundern kann ich mich darüber, wie ein scheinbar totales Chaos doch irgendwie funktioniert.

Gibt es überhaupt noch Orte auf dieser Welt, die Sie unbedingt besuchen möchten?

Ja klar, die gibt es selbstverständlich! Den Kaukasus oder auch Neuseeland möchte ich beispielsweise gerne bereisen – und in Südamerika war ich bislang noch gar nicht.

Damit sind wir schon bei der letzten Interviewfrage: Was war Ihr schönster Moment auf Reisen?

Da gibt es zu viele. Wissen Sie, Reisen bestehen aus einer ganzen Reihe schöner Momente – von der kribbelnden Vorfreude, wenn es losgeht, bis zur entspannten Rückschau im Flieger.

Über den Fotografen

David Pinzer (Jahrgang 1980) ist seit 2011 selbstständiger Fotograf mit den Schwerpunkten People,- Porträt- und Imagefotografie. Der Dresdner fotografiert aber auch regelmäßig auf Reisen. So besuchte er bereits Länder wie Indien, Nepal, Myanmar, Vietnam, Südafrika oder Indonesien. Tatsächlich waren es seine Reisen um den Globus, die ihn letztlich zur Fotografie geführt haben.

www.david-pinzer.de

www.facebook.com/Pinzer.Photography

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