News

In and out of Drag: Wilhelm Betz über seine faszinierenden Doppel-Porträts

Zwischen Alltag und Rampenlicht: In seinem Projekt In and out of Drag fängt der Fotodesigner Wilhelm Betz die faszinierende Dualität Stuttgarter Drag-Künstler ein. In inszenierten Doppelporträts trifft die farbenfrohe Kunstfigur auf die schwarzweiße Privatperson. Wir sprachen mit ihm über die Magie des Augenblicks und den Weg zum fertigen Composing.

Wilhelm Betz im Interview: Doppel-Porträts

DigitalPHOTO: Herr Betz, Ihre Serie zeigt Drag-Künstlerinnen und -Künstler, jeweils einmal privat und einmal als Drag-Figur. Was hat Sie daran gereizt, genau diese beiden Seiten innerhalb eines Bildes sichtbar zu machen?

Meine ersten Begegnungen mit Drag- Künstlerinnen und -Künstler entstanden während der Arbeit an meinem Fotobuch mit dem Titel Charakterköpfe – Buntes Stuttgart. Dabei durfte ich einige Drags fotografieren, und es war eine große Freude zu erleben, mit welcher Ausstrahlung und Begeisterung sie vor der Kamera standen.

Als ich die Porträts schließlich ausstellte geschah dann etwas Spannendes: Einige der Porträtierten stellten sich spontan vor ihr eigenes Drag-Bild.

Plötzlich standen sich zwei Erscheinungen desselben Menschen gegenüber: die reale Person und die Kunstfigur. Dieser Moment ließ mich nicht mehr los.

…und war Ausgangspunkt Ihrer Serie?

Richtig! Daraus entstand die Inspiration zu der Fotoserie: In and out of Drag – eine fotografische Annäherung an Menschen, die zwischen zwei Identitäten wechseln: Alltag und Bühne, Person und Kunstfigur.

Einige Bilder arbeiten mit Spiegelungen, in anderen stehen sich die Personen gegenüber oder hintereinander. Wonach entscheiden Sie, welche fotografische Lösung am besten zur jeweiligen Person passt?

Ich habe sowohl die Person als auch die Drag-Figur jeweils etwa eine Stunde in meinem Studio fotografiert. Dabei versuchte ich grundsätzlich jede Person und jede Drag-Figur in ähnlichen Positionen und auch immer mit Spiegel zu fotografieren.

Daraus entstanden pro Person mehrere Composings. In der finalen Serie habe ich die Bilder ausgewählt, die mich am intensivsten angesprochen haben und die innerhalb der Serie für mich am stärksten miteinander harmonieren.

Wichtig war für mich einige gelungene Bilder mit Spiegel zu zeigen und möglichst eine große Varianz an Bildern mit Personen sowie Drag-Figur zu präsentieren.

Die Drag-Figur erscheint in Farbe, die Privatperson in Schwarzweiß. Gab es auch Überlegungen, diesen Ansatz umzukehren – und warum haben Sie sich letztlich dagegen entschieden?

In meinen Bildern sollen beide Welten, Person und Drag-Figur, aufeinander treffen. Sie sollen im selben Bild erscheinen – manchmal über Spiegelungen und immer durch Composing.

Die Drag-Figur wird in Farbe dargestellt, die Person in Schwarzweiß. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Bühne und Alltag, zwischen Ausdruck und Intimität. Eine Überlegung den Ansatz umzukehren gab es für mich nicht.

Können Sie uns einen Einblick in Ihren fotografischen Workflow geben – von der Lichtsetzung bis zur finalen Bearbeitung in Lightroom und Photoshop?

Ich fotografiere mit einer Nikon D850 und einem 85mm f1.4 Objektiv sowie einem 5-Blitz-System, das über Pocket- Wizard gesteuert wird. Zur Lichtmessung dient ein Sekonic LiteMaster.

Dank der Vorab-Simulation in Set.a.Light (Anm. d. Red.: Software zur virtuellen Lichtplanung) konnte ich die Setups in meinem mobilen Studio vor Ort umsetzen, während ein mobiles Rollsystem für die Spiegel maximale Flexibilität im Set ermöglichte.

Per Tether-Shooting wurden die Aufnahmen sofort auf einem Notebook direkt vor den Protagonisten präsentiert. Durch dieses permanente Feedback wurden sie intensiv in das Fotoshooting eingebunden und konnten ihr Posing direkt anpassen. Im Anschluss haben wir gemeinsam die jeweils zehn besten Bilder ausgewählt.

Die technische Basis der Postproduktion bilden Referenzaufnahmen mit Color- und Graukarte für Lightroom-Presets. Das finale Composing erfolgt in Photoshop. Dieser Prozess ist der aufwändigste Teil und beansprucht mehrere Wochen Arbeit.

Was sind für Sie die wichtigsten Aspekte für ein erfolgreiches Fotoshooting?

Für mich sind drei Aspekte entscheidend: Erstens ein Wohlfühlort als Safe Space, der eine positive Grundstimmung schafft. Zweitens eine offene, respektvolle Kommunikation, bei der mir meine 30-jährige Vertriebserfahrung hilft.

Und drittens die intensive Einbindung der Beteiligten, die durch den Live-Bildschirm am Set sofortige Rückmeldung erhalten und so zu Bestleistungen motiviert werden. Abschließend erhalten alle Protagonisten zehn bearbeitete Aufnahmen.

Wie geht es mit dem Projekt weiter? Sind Ausstellungen geplant?

Noch bis zum 18. Juni 2026 wird die Serie im Rahmen der Ausstellung STUTT Goes ART des Stuttgarter Künstlerbund e.V. im Kunstgebäude Stuttgart präsentiert. Im Anschluss ist eine weitere Präsentation im Café der Weissenburg e.V. geplant.

Der Fotograf

Nach einer langen Karriere in der IT-Beratung und IT-Vertrieb, hat sich Wilhelm Betz inzwischen auf Porträtfotos und Charakterstudien spezialisiert. Bekannt wurde er durch seine künstlerische Dokumentation der LSBTIQA+-Community.

wilhelm-betz-fotografie.de

Mehr zum Thema