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Stadtgesichter: Fotograf Niall McDiarmid im DigitalPHOTO-Interview

Wenn sich der Brite Niall McDiarmid auf die Straße begibt, hält er Ausschau nach Gesichtern. Für seine Fotoserie porträtiert er Passanten, die in seinen Augen etwas Besonderes haben. In seinen Bildern finden alle Teile der Gesellschaft Platz. Wir haben ihn gefragt, wie er seine Motive entdeckt. Sind es die Augen, die ihn interessieren? Konzentriert er sich auf die Kleidung, die die Menschen tragen, oder die Umgebung, in der sie sich bewegen?

Täglich begegnen uns interessante Gesichter. Menschen, die auf ihre individuelle Art besonders sind. Niall McDiarmid reist quer durch die Städte Großbritanniens, um genau diese Menschen zu finden und zu fotografieren. Seine Porträts zeigen einen bunten Einblick in die Vielfalt einer ganzen Gesellschaft.

Herr McDiarmid, wo wohnen Sie derzeit?

Niall McDiarmid: Ich lebe schon seit 25 Jahren in London. Als Zwanzigjähriger habe ich mein Heimatdorf in Schottland verlassen und bin hierher in die große Metropole gezogen.

Haben Sie in London angefangen, Menschen auf der Straße zu fotografieren?

Schon in den Neunzigerjahren, also ganz zu Beginn meiner Laufbahn, habe ich vereinzelt Menschen fotografiert und zwar überall in Großbritannien – aber im Jahr 2011 gab es einen Moment, der sich entscheidend auf meine Arbeit ausgewirkt hat. Das war damals in London.

Was ist passiert?

An einem Sonntag im Januar 2011 war ich auf einem ausgiebigen Spaziergang entlang der Themse unterwegs. Ich hatte eine analoge Kamera dabei und war auf der Suche nach Motiven. An diesem Tag fotografierte ich vier oder fünf Passanten. Diese Fotos stellte ich anschließend auf meine Website und teilte die Bilder auf Facebook. Seitdem mache ich jede Woche mindestens ein Porträt und zeige es online. Daraus ist im Laufe der Zeit eine recht umfangreiche Sammlung entstanden, die immer weiterwächst. 

Hat sich Ihr Radius in der Zwischenzeit erweitert, oder sind Sie weiterhin nur in London unterwegs?

Anfangs habe ich mich nur auf London konzentriert, aber nach ein paar Monaten fing ich an, kleine Städte in der Nähe von London zu besuchen. Im Sommer 2011 habe ich schließlich meine nahe Umgebung verlassen und reiste quer durchs ganze Land. Ich besuche seither viele Städte regelmäßig, so oft es geht, um genau zu sein. Seit 2011 habe ich in über 150 Städten mehr als 1500 Porträts erstellt.

Gibt es ein Ziel, das Sie mit Ihren Fotos verfolgen?

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage zu Beginn der Serie auch gestellt. Erst nach ungefähr zwei Jahren ist mir bewusst geworden, dass ich darin interessiert bin, die Menschen Großbritanniens zu dokumentieren und wie sich unsere Gesellschaft verändert.

Wie nähern Sie sich den Menschen, die Sie fotografieren möchten?

Ich beginne meistens ein Gespräch und versuche, mich ein bisschen mit den Leuten zu unterhalten. Mir gefällt es, ein wenig aus ihrem Leben zu erfahren. Natürlich erkläre ich ihnen auch, was ich genau vorhabe, wer ich bin und was für Fotos ich mache. Es gibt aber auch Leute, die praktisch nichts sagen, von denen ich aber trotzdem ein Porträt machen darf. Sie nicken einfach, wenn ich sie anspreche und frage, ob ich sie fotografieren darf. Menschen sind unterschiedlich. Der eine möchte sich gerne mit mir unterhalten und andere wiederum wollen das gar nicht.

Passiert es Ihnen manchmal auch, dass Ihre Anfragen abgelehnt werden?

Nicht nur manchmal – das passiert mir ständig. Es wäre aber auch irgendwie zu einfach, wenn alle, die ich anspreche, immer sofort Ja sagen würden. Außerdem habe ich es akzeptiert, abgelehnt zu werden. Für mich macht es die Porträts, die entstehen, noch interessanter.

Es fällt auf, dass Sie häufig die Farbe des Bildhintergrunds mit den Farben der Porträtierten kombinieren. Wie finden Sie die passenden Motive?

Wenn ich Menschen anspreche und dafür gewinne, sich von mir fotografieren zu lassen, bleibt mir nicht viel Zeit. Ich muss schnell einen geeigneten Ort finden und kann nicht lange herumsuchen. Es ist letztlich Glück und etwas Fingerspitzengefühl, dass alles passt. Auf einigen Bilder funktioniert das besser als auf anderen.

Elliott Erwitt, einer der Meister der Straßenfotografie, beschrieb einmal sein Vorgehen damit, dass er sich so lange auf eine Parkbank setzt, bis ihm ein Motiv vor die Füße läuft. Wie machen Sie das?

Ich war selbst einmal auf einem seiner Vorträge. Jemand aus dem Publikum fragte ihn, wie er all die interessanten Hunde entdeckt, die er so häufig fotografiert. Erwitt antwortete sinngemäß: „Wenn du eine Nadel im Heuhaufen finden möchtest, dann geh zu dem Teil des Heuhaufens, in dem du mit der größten Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich eine Nadel finden wirst.“ Wenn ich fotografiere, gehe ich im Prinzip sehr ähnlich vor. Ich begebe mich an Orte, von denen ich vorher schon weiß, dass dort viele interessante Menschen leben oder arbeiten.

Sie haben eingangs erwähnt, dass Sie die ersten Porträts mit einer analogen Kamera aufgenommen haben. Arbeiten Sie immer noch damit?

Ja. Zum großen Teil entstehen meine Bilder mit alten, analogen Kameras. Meist arbeite ich mit der Mamiya 7, einer Mittelformatkamera oder auch der Leica M6. Ich nutze aber auch digitale Spiegelreflexkameras, wie die Canon EOS 5D. Hin und wieder verwende ich sogar mein iPhone, um Menschen zu porträtieren.

Analoge Kameras haben den Nachteil, dass man erst im Nachhinein das Ergebnis beurteilen kann. Sind Sie schon einmal böse überrascht worden?

Leider bleibt das bei der Fotografie mit analogen Kameras nicht aus. Allerdings ist mir das zum Glück bislang nur sehr, sehr selten passiert. Mit jetzt über 25 Jahren Erfahrung hoffe ich doch, dass ich weiß, was ich tue.

Zum großen Teil entstehen

meine Bilder mit alten,

analogen Kameras.

Niall McDiarmid, Profi-Fotograf

Sind Sie ein ausgebildeter Fotograf?

Anfang der Neunzigerjahre war ich für ein Jahr am London College of Printing, wo ich mich im Fach Fotografie hab einschreiben lassen. Allerdings bin ich recht schnell wieder davon abgekommen. Ehrlich gesagt habe ich damals nicht wirklich viel über die Fotografie gelernt. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass man am meisten erfährt, wenn man selbst fotografiert.

Zurück zu Ihren Porträts: Einige Protagonisten schauen direkt in die Kamera, andere gerade nicht. Geben Sie den Menschen Anweisungen?

Nein, das mache ich nicht. Es sollen natürliche Porträts entstehen. Ich versuche, die Menschen so einzufangen, wie sie sind. Sicherlich kommt es vor, dass ich sie während der Aufnahme bitte, sich ein wenig zu drehen. Das hat dann aber mit der Komposition zu tun.

Was muss ein Mensch haben, damit Sie auf ihn aufmerksam werden?

Da gibt es unzählige Parameter. Meistens konzentriere ich mich auf die Orte, in denen sich Menschen aufhalten. Mir fällt dann relativ schnell auch die Kleidung der Leute auf und natürlich, wie sie in der unmittelbaren Umgebung wirken und wo sie genau stehen. Seit einiger Zeit bemerke ich an mir, dass ich mich mehr und mehr dafür interessiere, wie Menschen stehen oder sitzen. Es passiert immer häufiger, dass ich auf eine ungewöhnliche Körperhaltung aufmerksamwerde.

Hat sich das Verhalten der Menschen im Laufe der Zeit verändert? Ist es beispielsweise einfacher geworden, Menschen anzusprechen oder ist vielleicht sogar das Gegenteil der Fall?

Es ist heute noch genauso schwer, Menschen vor die Kamera zu bekommen, wie es damals schon war. Ich kann also nicht sagen, dass sich Dinge grundlegend verändern. Letztlich ist es immer die Kunst, Leute in kürzester Zeit davon zu überzeugen, sich von mir fotografieren zu lassen.

Was ist die größte Herausforderung?

Für mich ist die größte Herausforderung, ein interessantes Foto zu machen. Unabhängig vom Ort, an dem ich mich gerade aufhalte. Egal ob ich in Inverness in Nordschottland unterwegs bin oder in Exeter, im Südwesten Englands. Das Faszinierende an der britischen Gesellschaft ist meiner Meinung nach die Vielfalt der Menschen. Mir ist aufgefallen, dass sich die Städte, in denen ich fotografiere, mit der Zeit alle gleichen. Die Unterschiede machen die Menschen.

Wie meinen Sie das?

Hauptstraßen sehen doch im ganzen Land gleich aus, oder nicht? Dann gibt es Einkaufszentren und Ladenketten, die alle die gleichen Produkte verkaufen. Auch wenn die Läden vielleicht überall die Gleichen sind, die Menschen sind es definitiv nicht. Wir Briten sind ein Volk von Individualisten, die nicht davor zurückschrecken, aus der Masse herauszustechen. Ich empfinde das auch als ein Zeichen der Toleranz unserer Gesellschaft, dass man zumindest in den meisten Fällen, unabhängig von Alter, sexueller Orientierung, Ethnie oder sozialem Hintergrund, so sein kann und sich so anziehen kann, wie man möchte und eine Hauptstraße herunterlaufen kann, ohne sich entfremdet zu fühlen.

Zeigen Sie Ihren Protagonisten die Fotos, nachdem sie entwickelt worden sind. Schicken Sie ihnen die Bilder eventuell per E-Mail?

Es kommt vor, dass mich Leute, nachdem ich sie fotografiert habe, kontaktieren. Das funktioniert relativ unkompliziert über die diversen sozialen Netzwerke, in denen ich vertreten bin: Twitter, Instagram oder Facebook. Es ist vielleicht nicht uninteressant zu erwähnen, dass Straßenporträts heutzutage deutlich weniger formell ablaufen als vielleicht noch vor 40 Jahren. Menschen sind Kameras gewohnt. Es ist ein Teil ihres Alltags, immer und überall gefilmt zu werden. So verhalten sich die meisten meiner Porträtierten auch, wenn ich sie fotografiere.

Wie geht Ihre Fotoserie weiter?

Ich werde so lange Menschen porträtieren, wie ich Gefallen daran finde und so lange die Arbeit weiter voranschreitet. Ich bin gespannt, wie und wie schnell sich die britische Gesellschaft entwickelt. Das möchte ich gerne fotografisch festhalten.

Niall MCDiarmid (48) 

Aufgewachsen in der kleinen, schottischen Ortschaft Aberfeldy, zog Niall McDiarmid vor 25 Jahren nach London, wo er heute noch lebt und arbeitet. Seit jeher widmet er sich intensiv der Fotografie. Mitte der Neunzigerjahre begann McDiarmid, mit nationalen und internationalen Verlagen und Magazinen zusammenzuarbeiten. 2011 startete er eine Fotoserie, in der er Porträts von Passanten erstellt. Mittlerweile sind über 1500 dieser Aufnahmen in mehr als 150 britischen Städten entstanden. Seine Bilder wurden bereits mehrfach ausgestellt, darunter regelmäßig in der National Portrait Gallery in London.

www.niallmcdiarmid.com

twitter.com/NiallMcDiarmid

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