Minimalistische Fotografie als visuelle Meditation: Ronny Behnert spricht über Ruhe, Reduktion und die Kraft der Langzeitbelichtung.

Ronny Behnert im Interview: zeitlos minimalistisch
Minimalismus, Ruhe, reduzierte Farben und bewusst gewählte Langzeitbelichtungen prägen die Bildsprache von Ronny Behnert. Im Interview spricht er über seinen fotografischen Ansatz, die bewusste Reduktion seiner Motive und das Fotografieren als Ausgleich zum Alltag.
DigitalPHOTO: Herr Behnert, Ihre minimalistischen Bilder wirken oft wie visuelle Meditationen. Ist das Fotografieren für Sie selbst ein spiritueller Prozess oder ein Streben nach innerer Ruhe?
Ronny Behnert: Es ist eine Mischung aus beidem. Mein Alltag ist – wie bei vielen Menschen – oft von Terminen, Organisation und einem gewissen Tempo geprägt. Das Fotografieren bildet für mich einen Gegenpol. Hier komme ich zur Ruhe. Wenn ich fotografiere, verändert sich meine Wahrnehmung der Zeit.
Gerade bei der Arbeit mit Langzeitbelichtungen ist Geduld ein zentraler Bestandteil des Prozesses. Es geht nicht nur darum, ein Bild zu machen, sondern darum, sich intensiv mit einem Ort auseinanderzusetzen und ihn wirklich zu spüren. Wenn ich meine Kamera aufstelle, entsteht eine Art Dialog zwischen mir und der Umgebung.
Wie haben Sie zu Ihrem Stil gefunden?

Es gab keinen bewussten Plan. Vielmehr war es ein Prozess, der über Jahre lief. Bei mir führte der Prozess schlussendlich in Richtung Minimalismus, klare Kompositionen und die Arbeit mit Langzeitbelichtungen. Ein wichtiger Einfluss war der österreichische Fotograf Josef Hoflehner. Diese Art zu fotografieren hat mich stark inspiriert. Nicht im Sinne eines Kopierens, sondern eher als eine Bestätigung für einen Weg.
Viele Ihrer Werke sind „fast“ monochrom. Oft taucht nur ein Farbfleck auf. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob ein Farbanteil erhalten bleibt oder das Bild Schwarzweiß wird?
Diese Entscheidung treffe ich tatsächlich immer sehr bewusst und sie entsteht meist erst während der Nachbearbeitung. Wenn ich ein Motiv fotografiere, habe ich zwar oft schon eine Vorstellung davon, ob es später eher in Richtung Farbe oder Schwarzweiß gehen könnte, aber endgültig entscheide ich erst, wenn ich mir das Bild am Bildschirm ansehe.
Ich frage mich: Tragen die Farben zur Bildwirkung bei? Oder ich achte auf Lichtsituationen: bei Gegenlicht entstehen starke Kontraste – hier wirken Farben mitunter unruhig. Schwarzweiß kann solche extremen Lichtverhältnisse häufig besser aufnehmen und die grafischen Strukturen stärker betonen.
Grundsätzlich sind diese Entscheidungen immer persönlich. Ich versuche in der Nachbearbeitung herauszufinden, welche Version dem Gefühl am nächsten kommt, das ich beim Fotografieren an diesem Ort hatte.

Ronny Behnert, geboren 1982, lebt in Berlin und ist international ausgezeichneter Fotograf mit Schwerpunkt auf Architektur- und Landschaftsfotografie sowie Leiter zahlreicher Fotoworkshops weltweit
Instagram: @haggardphotography | www.bewegungsunschaerfe.de
Wie sieht Ihr technisches Set-up aus?

Das ist eher unspektakulär, aber ohne ein paar entscheidende Werkzeuge würden meine Bilder wahrscheinlich ganz anders aussehen. Das wichtigste Element neben der Kamera und dem Stativ ist für mich ganz klar der Graufilter. Ich arbeite mit unterschiedlich starken ND-Filtern, um sehr lange Belichtungszeiten zu ermöglichen.
Dadurch verwandeln sich bewegte Elemente wie Wasser oder Wolken in weiche, fast fließende Flächen. Alles, was eigentlich unruhig oder hektisch wirkt, wird visuell beruhigt. Übrig bleiben dann oft nur noch die klaren Strukturen und Formen eines Motivs – und genau das interessiert mich besonders.
Auf welche Bildelemente achten Sie?

Mich zieht es oft ans Wasser. Häfen, Küsten oder Uferbereiche haben für mich eine besondere Anziehungskraft. Dort finde ich häufig kleine, unscheinbare Elemente – eine Treppe im Wasser, eine alte Struktur, ein einzelnes Objekt –, die im Alltag kaum jemand wahrnimmt.
Durch die lange Belichtungszeit und die reduzierte Bildsprache werden diese Dinge plötzlich zu Hauptdarstellern im Bild.
Sie halten sich aktuell in Japan auf – ein Land, das in Ihrem Portfolio eine zentrale Rolle spielt. Warum?


Fotografisch interessiert mich Japan vor allem wegen seiner außergewöhnlichen Kontraste. Auf engstem Raum treffen hier Welten aufeinander: jahrhundertealte Tempel und Schreine stehen nur wenige Schritte von futuristischen Metropolen entfernt, traditionelle Rituale existieren parallel zu modernster Technologie.
Was mich aber vielleicht am meisten fasziniert, ist die Atmosphäre dieses Landes. Es gibt Orte in Japan, die eine außergewöhnliche Stille ausstrahlen – selbst mitten in großen Städten.
Sie geben immer wieder Workshops, in denen Sie Ihre Arbeitsweise weitergeben. Wo kann man von Ihnen lernen?

Wer diese minimalistische Sichtweise und Langzeitbelichtungen vertiefen möchte, kann das in meinen Workshops und Fotoreisen tun. Die aktuellen Kurse laufen noch bis April. Nach einer kurzen Pause geht es im Oktober weiter. Geplant sind unter anderem Reisen nach Frankreich, Portugal, Estland und Dänemark sowie neue Formate wie ein Workshop in Südkorea.
Weitere Informationen und Termine gibt es auf www.bewegungsunschaerfe.de und auf meinem Instagram-Kanal.

