Ratgeber

Automotive Light Painting

Einen Porsche Taycan nur mit Taschenlampen ausleuchten und fotografieren? Das war die Herausforderung für Fotograf Berhard Rauscher alias Lumenman. Er gewährt uns einen exklusiven Blick hinter die Kulissen.

Vor ein paar Wochen wurde ich angefragt, den neuen Porsche Taycan in Form von Lichtbildern in Szene zu setzen. Ich sollte mich von der Dynamik des Elektrosportwagens inspirieren lassen, um ihn in meine Kunstform einzubetten. Ich war völlig baff.

Porsche und Light Painting. Meine Antwort folgte promt: „Aber hallo! Ich bin dabei!“ Wow, ein Ritterschlag und 100% nach meinem Geschmack. Denn einerseits liebe ich Light Painting, andererseits ist es angewandt in der Automobilfotografie eines der tollsten, aber oft auch anspruchsvollsten Techniken. Eine Challenge, und genau das mag ich daran. Mit diesem Artikel nehme ich Dich mit auf meine Lichtreise hinter die Kulissen, vom Briefing über das Konzept bis hin zu den gebauten Tools und dem Shoot. Hast Du Lust auf Erleuchtung? Licht aus, Spot an!

Das Briefing

Das Shooting ist Teil der kreativen Videoserie „Inspired by Porsche“ und ich bin der zweite Künstler in der Reihe. Der Erste war ein fantastischer Balletttänzer. Sehr passend war bei meiner Aufgabe, dass es um den ersten vollelektrischen Wagen des Herstellers ging: Elektrizität, Licht, Energie – da kamen mir schnell Ideen.

Neben der sportlichen Silhouette des Porsche Taycan boten die charakteristischen Vierpunkt-Scheinwerfer eine gute Inspirationsquelle. Mehr dazu später beim Bau der Werkzeuge. Ich machte mir schon Gedanken zum Konzept und wie ich den Elektrosportwagen am besten in einem großen, leeren Fotostudio einfangen kann.

Nichts ist unmöglich

Vielleicht hast Du Dich schon einmal mit dem Thema Lichtmalerei beschäftigt? Beim Light Painting bin ich eigentlich gar kein Fotograf, zumindest nicht hinter der Kamera. Die Kamera läuft, sprich sie belichtet mittels Langzeitbelichtung und ich arbeite mit beweglichen Lichtquellen vor der Kamera. Hier bei diesem Shoot kamen zwei grundlegende Techniken zum Einsatz: Erstens das Anleuchten mit Licht, ohne dass man die Lichtquelle selbst später im Foto sieht (Beleuchtung des Autos und des Bodens zum Beispiel) und zweitens Lichtspuren einer bewegten Lichtquelle, meist Taschenlampen mit lichtformenden Aufsätzen, die man dann später als Lichtmalerei im Foto sieht.

» Hier ist Präzision gefragt: Mit viel Liebe fürs Detail leuchtet Berhard Rauscher alias Lumenman das vollelektrische Auto von Porsche aus. Während sein Assistent Ulrich Tausend die Olympus OM-D E-M1 II auslöst, erstellt Bernhard Rauscher mit den eigens für das Fotoshooting entwickelten Lichtpinseln tolle Farbeffekte.

Mein eigener Anspruch

Die Agentur fragte mich, ob ich nicht eine Blitzanlage oder anderes Equipment vor Ort benötige. Nein, denn genau hier habe ich meinen künstlerischen Anspruch, komplett mit Lichtmalerei in Langzeitbelichtungen zu arbeiten und eben nicht nur den malerischen Effekt in ein sauber ausgeblitztes Bild hinein zu retuschieren. Da spielt auch ein wenig der Ehrenkodex unter uns Light Paintern weltweit mit. Übrigens liebe ich es ohnehin schlank zu reisen und mobil zu sein, daher ist es eine tolle Sache, wenn man es schafft, große Objekte und Locations alleine mit Taschenlampen auszuleuchten.

Den malerischen Effekt in ein geblitztes Bild retuschieren? Das spricht gegen den Ehrenkodex unter uns Light Paintern.

- Bernhard Rauscher, Profifotograf

Der erste Schritt: ein Konzept

Ein super Werkzeug als konzeptionelle Vorstufe, egal in welchem Fotogenre, ist immer das sogenannte Moodboard: man sammelt Bilder, die einen für das Projekt inspirieren oder auch Elemente beinhalten, die man abgewandelt übernehmen möchte. Auf meinem Moodboard für dieses Projekt fand ich allerdings kaum Bilder im Netz, die nur Autos in leeren Studios darstellen, die Location ist oft fast wichtiger als das Fahrzeug selbst. Auch in meinem eigenen Automobil Portfolio ist das so. Dennoch sammelte ich gute Inspiration für Teilelemente, Perspektiven und gute Autoausleuchtungen. Das war mein Ausgangspunkt für ein Konzept und die Zusammenarbeit mit Porsche.

Wie stellt man Elektrizität dar?

Für meine Darstellung von Elektrizität stellte ich mir ein blaugrünes Farbklima vor, während der Porsche selbst in weiß zur Verfügung stehen sollte. Des Weiteren tendierte ich zu organischen Strukturen statt geometrischen Mustern in meiner Vorstellung. Ich selbst versuche schon seit Jahren, nur noch mit Lampen in der Hand zu arbeiten und echt zu malen. Richtig interessant ist dieses Konzept unterwegs, da die Ausrüstung sehr kompakt ist. So entstand letztlich meine Konzeptidee: Ein Flow wie Wasser und organische Formen manuell gemalt mit Lichtformern auf Taschenlampen sollten das Auto umhüllen.

Klingt gut, war aber nicht ganz einfach in der Umsetzung. Es blieb nämlich noch eine Lösung zu finden für das leere Studio. Was lag hier näher, als den Hintergrund möglichst nur mit Lichteffekten zu füllen? Einen Vorteil hatte das auch: meine Lichtmalerei musste nicht konkurrieren mit Elementen einer attraktiven Location und war so ein ziemlich zentrales Element. Ein Location-Element gab es dennoch: den Boden. Ich wünschte ihn mir leicht spiegelnd und konnte ihn so gut als Element integrieren. Wichtig war, dass ich ihn explizit beleuchtete, sonst macht der Porsche einen schwebenden Eindruck im Bild. Das wurde uns erst vor Ort so richtig bewusst.

Light-Painting-Tools bauen

Damit Light-Painting-Aufnahmen so aussehen, wie sie aussehen, sind spezielle Lampen nötig. Lumenman und Profifotograf Bernhard Rauscher gibt Ihnen hier einen Einblick in drei Leuchten, die er für das Fotoshooting mit Porsche eingesetzt hat.

Mindestens 50% meiner Zeit für Light-Painting-Projekte verbringe ich in meiner kleinen Werkstatt, in der ich an Tools tüftle. Erst das macht dieses Fotografie-Genre für mich spannend, denn es ist eben nicht nur die reine Fotografie, sondern das sehr aktive Gestalten mit (bewegtem) Licht.

Der typische Ablauf ist, dass ich anfangs eine Idee habe, eventuell sogar ein Konzept mit Moodboard, wie beschrieben. Anhand dessen kreiere ich Tools, sehr oft auf Basis von „normalen“ Taschenlampen, an die ich meine Lichtformer adaptiere mittels eines Connectors, den ich für fast alle meine Tools einsetze. Wichtiger als ein Studio, wie beim klassischen Fotografen, ist für mich also meine Werkstatt im Keller. Im Keller nebenan ist eine Kamera dauerhaft aufgebaut, hier teste ich direkt nach dem Toolbau meine Prototypen. Dies geht meist, eigentlich fast immer, erstmal schief. Der Effekt ist dann nicht so, wie ich ihn im Kopf hatte.

Dann heißt es zurück in die Werkstatt und den Lichtformer modifizieren. So geht das oft stundenlang, bis ein neuer Lichtpinsel in meinen Augen perfekt ist oder ich im schlechteren Fall doch nochmal an der Idee feilen muss. Wie mussten meine Leuchten für das Shooting mit Porsche aussehen? Das besondere beim Porsche-Taycan-Shoot war nicht nur die komplett leere Location, die ich mit Licht alleine füllen musste, sondern auch die Dimension. Meine Tools mussten einfach viel Bildfläche „bemalen“, was eine spezielle Anforderung war, denn bei anderen Shootings sind oft kleinere, filigranere Lichtpinsel gefragt (z.B. in einer Fotobox). Somit war mein Ziel, etwas zu konstruieren, was satte, texturierte Ergebnisse mit wenigen Bewegungen liefert. Hier meine drei Lichtpinsel, die ich eigens für die Kooperation mit Porsche konstruiert habe:

Water Tube

Ich stelle mir einen elektrischen Energiefluss optisch wie Wasser vor. Es liegt also nahe, tatsächlich mit Wasser zu arbeiten. Speziell für die Zusammenarbeit mit Porsche konstruierte ich eine ein Meter lange Acylglasröhre, die ich halb mit Wasser füllte. Oben und unten verschloss ich sie mit transparentem Acryldeckeln, sodass ich von beiden Seiten in verschiedenen Farben das sich bewegende Wasser beleuchten kann. Das Resultat war tatsächlich ein erstaunlich organisch wirkender Effekt, der viele Zufallstexturen enthielt. Allerdings musste ich die richtige Bewegung der Röhre für den passenden Effekt lange üben.

Vier-Augen-Blade

Porsche äußerte im Briefing den Wunsch, dass ich mich vom Taycan inspirieren lasse, daher auch der Titel der Videoserie „Inspired by Porsche“. Die Frage war also, was das markanteste Designmerkmal des Fahrzeugs ist. Die Antwort ist eindeutig das Designkonzept der vieräugigen Scheinwerfer, das aktuelle Merkmal aller Fahrzeuge des Herstellers. Meine Lösung war letztlich eher simpel: es ist ein Acrylblade mit vier matten Feldern, die an das Scheinwerferdesign angelehnt sind. Der Effekt dieses Blades ist phänomenal: mit wenigen Schwüngen kann ich damit wunderbare Formen zaubern. Eine Bastelanleitung habe ich auf meinem Blog lumenman.com veröffentlicht.

Ein Blade aus der Forschung

Es läuft nie perfekt, egal wie ausgetüftelt die Tools sind – das weiß ich aus Erfahrung. Neben meinen Standardtools wollte ich noch ein weiteres Tool bauen. Da fiel mir im Keller wieder eine mächtige, schwere Acrylglaskonstruktion in die Hand, die mir einst mein Light-Painting-Freund Wolfgang Gebhard schenkte. Es war Teil eines Versuchsaufbaus für Licht aus den 1970er Jahren in einem staatlichen Institut, ein Einzelstück. Ich modifizierte es farblich ins Blaugrüne mit Filzstiften und verklebte an der Oberkante Spiegelfolie, um das Licht im Acrylglas zu fangen. Der Effekt war fantastisch. Ich habe ein neues Lieblingstool!

Location und Setup

Es wird ernst, der große Tag ist gekommen. Das besagte Studio ist tatsächlich riesig: eine Halle so groß wie ein Fußballplatz, nur für uns. Der Boden leicht glänzend, wie gewünscht und ringsherum ein Graben für eine nahtlose Kante. Der Hintergrund ist mit gigantischen schwarzen Moltonstoffen abgehängt. Ich konnte direkt mit meinem Auto in die Halle fahren und meine Lampen auf einem Tisch ausbreiten und mich vorbereiten. Nun kam der Sportwagen: vom Transporter abgeladen fuhr er lautlos durch die Halle. Lediglich das Quietschen der neuen Gummireifen auf dem Hallenboden war zu hören. Faszinierend!

Wir stellten den Wagen für das erste Foto auf. Mein Kollege Ulrich Tausend assistierte mir während der Aufnahmen, was bei dieser Art Fotografie unabdingbar ist, denn ich war hauptsächlich vor der Kamera. Wir verständigten uns durch Zurufe. Sehr praktisch war, dass wir die Hauptkamera (eine Olympus OM-D E-M1 Mark II) direkt via HDMI an einen großen Monitor angeschlossen haben. So konnte ich nach jedem Bild direkt das Ergebnis beurteilen. Einige Aufnahmen, die kritisch waren, weil ich sehr nah am Auto arbeitete, machten wir im Live Composite Modus, eine Spezialität von Olympus. Ich konnte so im Sekundentakt direkt die Entstehung des Bildes verfolgen. Im Video-Setup ergänzte ich das Set durch zwei weitere OM-Ds mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen, um ein LightPainting-Video in der Postproduktion zu rendern.

Spezialitäten der Autofotografie

Zwei Themen sind in der Automobilfotografie besonders herausfordernd: Zunächst sind mehrere unterschiedlich helle Lichtquellen in jedem Motiv zu sehen: Scheinwerfer, Blinker, Interieur, Light Paintings, Umgebung und viele mehr. Diese sind so unterschiedlich in ihrer Helligkeit, dass man um mehrere separate Aufnahmen nicht drum herumkommt. Allerdings adaptiere ich nur die Belichtungszeit bei den einzelnen Fotos, und nicht Blende oder Lichtempfindlichkeit.

Die zweite Herausforderung besteht darin, dass Beleuchtungseffekte es notwendig machen, mit der Lichtquelle sehr nah am Taycan zu arbeiten, denn auch das Auto habe ich komplett mit beweglichen Lichtquellen und Taschenlampen in Langzeitbelichtungen beleuchtet. Damit ist die Lichtquelle selbst im Motiv als Lichtspur sichtbar über oder neben dem Auto. In diesen Fotos kamen nur die beleuchteten Teile ins Endmotiv. Die einzelnen Aufnahmen kombinierte ich anschließend in Adobe Photoshop. Je nach Szene waren dies bis zu zehn einzelne Belichtungen, die einem klaren Konzept folgen, je nachdem, was im Bild zu sehen ist und welche Autolichter eine zusätzliche Rolle spielen.

Einstellungen in der Kamera

Beim Light Painting stelle ich als erstes die ISO ein, möglichst niedrig, sollte mich nicht eine dunklere Lichtquelle zu empfindlicheren Einstellungen zwingen, sprich ISO 200 bei der OM-D (bei anderen Fabrikaten auch ISO 100). Anschließend stimme ich die Blende auf mein Lichttool ab. Bei hellen Lampen liegt diese dann oft zwischen f/8 und f/16. Die Belichtungszeit ist flexibel. Wenn ich in kompletter Dunkelheit shoote, wie hier, dann belichte ich so lange, wie ich für mein Light Painting benötige, ohne Limit. Sollte es Umgebungslicht geben, dann beschränkt mich dieses genau an dieser Stelle und macht unter Umständen auch den Live-Composite-Modus notwendig.

Nebel erst zum Schluss

Eine Nebelmaschine war die einzige Requisite, die ich mir gönnte. Allerdings ist das ganze eine Einbahnstraße, denn wenn das große Studio einmal eingenebelt ist, dauert es über eine Stunde, bis sich der Nebel wieder verzieht. Also planten wir die Nebelaufnahmen am Schluss. Ich benötigte aber von der gleichen Szene auch klare Aufnahmen des Autos, die ich später zur Not kombinieren konnte, denn nur komplett im Nebel verschleiert käme die Gesamtaufnahme sehr verschwommen rüber. Daher war die Reihenfolge der Fotos wichtig und nicht wiederholbar.

Meine Postproduktion

In der Postproduktion wählte ich mir als erstes für jedes Bildelement die beste Aufnahme aus und entwickelte sie in Lightroom. Anschließend importierte ich alle Elemente eines Motivs in Photoshop in einzelne Ebenen. Dennoch ist mir hier wichtig, dass ich keine Lichteffekte in Photoshop manipuliert oder digital gemalt habe, ich nutze die Software nur, um meine verschiedenen Belichtungen mit Ebenenmasken zu kombinieren. So entstand eine ausgewogene Beleuchtung in Kombination mit den Lichtspuren.

Das Finale: Der Look

Oft ist es in der Fotografie so, dass ein perfekt entwickeltes und retuschiertes Foto zwar gut und real aussieht, aber noch nicht wirklich rockt. Der Bildlook wird häufig unterschätzt und von vielen Hobbyfotografen nicht ernst genommen. Bei Filmen ist es jedem klar, man sieht im Fernsehen sofort, ob es sich um eine deutsche TV-Serie handelt oder um einen Hollywood-Blockbuster. Das hat nichts mit der Schärfe, Auflösung oder der Kulisse zu tun, sondern man sieht es eben am Look. Genau so einen Look entwickelte ich auch für die Porsche-Bilder. Der Wagen sollte strahlend weiß und knackig rüber kommen, während das Light Painting sich dennoch absetzen sollte. Ich verlieh also den Lichtern im Histogramm Struktur und Kontrast und distanzierte das blaue Licht im Farbspektrum. Das cleane Setup lief Gefahr zu rein zu wirken, so bekamen die Fotos noch einen zusätzlichen, sehr dezenten Filmlook mit ganz leichtem Korn. Wichtig ist hier immer, dass solche Effekte so dezent sind, dass sie nur unterbewusst wirken.

» Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auch im Porsche Newsroom.

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